Das Thema der HAT 2021

Talent als Chance – Talent als Pflicht
Talent und Verantwortung in unserer Gesellschaft

Das Wort „Talent“ ist in aller Munde, Begriffe wie „Begabung“ und „Elite“ werden stilisiert und wollen „das Besondere“ in unserer Gesellschaft zu beschreiben. Scheinbar alle Welt sucht gleichermaßen nach außerordentlichen Fähigkeiten: Professionalisierte Nachwuchsprogramme aus Sportverbänden, Talent-Manager in Unternehmen, Headhunter und HR-Berater, Interviewer bei Auswahlprozessen an den Eliteuniversitäten in Oxford, Cambridge und Co., TV-Shows wie „Das Supertalent“.

// Die Suche nach der Ausnahme. Talent in der Gesellschaft.

Viele Human-Ressource-Manager großer Unternehmen beschäftigen sich was ausschließlich mit einer Frage: Wie finden, locken und entwickeln wir den Wunschkandidaten für unser Unternehmen? Talentiert, intelligent, vielfältig begabt soll er sein, dabei aber unter 26 Jahren alt sein und im besten Fall mehrjährige Berufserfahrung haben. Bei diversen Recruiting-Veranstaltungen und Förderprogrammen werden hohe Summen verbraucht, um die talentiertesten jungen Menschen für das eigene Unternehmen zu begeistern und zu gewinnen. Nachwuchsprogramme von Sportvereinen versammeln in ihren speziell ausgerichteten Internaten die zukünftigen Hoffnungsträger des Leistungssports. Eliteuniversitäten wählen in aufwändigen Interview- und Auswahlverfahren unter zahlreichen hochqualifizierten Bewerbern die vermeintlich Besten der Besten aus. Die TV-Show „Das Supertalent“ ist bestrebt, besonders außergewöhnliche Menschen unter Massen an Bewerbern aufzuspüren, um den Zuschauer zuhause am Bildschirm zu begeistern und die Werbeeinnahmen hochzuhalten. Jeder hat ein eigenes Verständnis von Talent und Begabung. Vielfach wird der Fokus auf das Außergewöhnliche gelegt, werden Höchstleistungsträger gesucht. Was aber ist eigentlich gemeint mit dem Begriff „Talent“? Was erwarten wir, wenn wir von „Begabung“ sprechen?

Talent und Begabung haben einen sehr hohen Stellenwert in der gesellschaftlichen Wirklichkeit eingenommen. Beide Konzepte begeistern und werden gleichermaßen immer wieder kontrovers diskutiert. Dies zeigt zum Beispiel der Fall von Laurent Simon, der bereits im Alter von neun Jahren einen Bachelorabschluss in Elektrotechnik vorweisen konnte und sicherlich schon bald einen Masterabschluss erworben haben wird. Zweifellos wird niemand bestreiten, dass wir bei Laurent eine (ungewöhnlich) hohe Konzentration an Talent oder Begabung verzeichnen können. Talente und Begabungen anderer scheinen im Vergleich mit solchen „Wunderkindern“ beinahe trivial, der Status des „Begabten“ unerreichbar und nur den wenigsten vorbehalten zu sein. Talent habe man eben oder nicht, so die oftmals verbreitete Meinung. Ist man damit nicht ausgestattet, so bedarf es keines weiteren Gedankens an die eigene Begabung. Allerdings sprechen wir bei Kindern wie Laurent bereits von „Hochbegabung“, was wiederum nur einen Teilaspekt des viel umfassenderen Begriffs der Begabung darstellt. Die Gefahr für den gesellschaftlichen Diskurs, die dieser Verwechslung innewohnt, liegt auf der Hand: Unterscheidet man bereits nicht zwischen Begabung und Hochbegabung, so kann einerseits auch eine Förderung von Begabten (oder Hochbegabten) nicht nur nicht auf Verständnis treffen, sondern auch nicht differenziert erfolgen. Eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Frage, ob eine breitere Talentförderung für die Gesellschaft sinnvoll wäre, kann nicht stattfinden. Andererseits bleibt aber auch der gesellschaftliche Diskurs um Maßnahmen wie Nachteilsausgleiche oder zieldifferenzierte Integration auf der Strecke.

// Talent vs. Begabung. Eine begriffliche Annäherung.

Eine Deutung des Begriffs der „Begabung“ kann zunächst einer aktuellen Bedeutung nach erfolgen. Bereits ein Blick in den Duden verrät Näheres zum Begriff selbst. „Begabung“ wird hier als „natürliche Anlage, angeborene Befähigung zu bestimmten Leistungen; [ein] Talent“ definiert.1 Im Vergleich dazu handelt es sich dem Etymologischen Wörterbuch des Deutschen zufolge um ein Geschenk, das jemandem gegeben werde oder welches man schon habe.2 Begabung lässt sich sprachgeschichtlich also nicht per se nur als eine Anlage verstehen, die genutzt werden will. Vielmehr muss auch der Aspekt der Entwicklung einer Begabung mitgedacht werden. Ebenso darf nicht vernachlässigt werden, dass die Konnotation eines Menschen mit „Talent“ stets Prognosecharakter hat: Wer in der Vergangenheit und in der Gegenwart außerordentliche Leistungen zeigte und zeigt, dem trauen wir dies auch für die Zukunft zu.

In der Psychologie findet sich der Begriff der Begabung in der sogenannten Anlage-Umwelt-Debatte wieder, sei es in der Persönlichkeits- oder der Entwicklungspsychologie. „Begabung“ wird dort als „individuelles Potenzial für bestimmte Leistungen“3 verstanden. Erforscht wird vor allem, welchen Einfluss die Natur beziehungsweise die Umwelt auf die Ausprägung von Persönlichkeit und Intelligenz hat. Ist die Entwicklung eines Kindes schon durch die Gene programmiert oder haben Umwelterfahrungen einen stärkeren Einfluss? Auch in der Wissenschaft wird somit zwischen den schon vorhandenen Potenzialen – Persönlichkeit und Fähigkeiten betreffend – und der Ausbildung dieser „durch langfristige systematische Anregung, Begleitung und Förderung“ unterschieden.4

//Talente entdecken. Talente fördern.

Wenn also ein Talent in einem Menschen schlummert und erweckt werden muss, so stellt sich für eine Gesellschaft zwingend die Frage nach der (systematischen) Entdeckung und Förderung von Talenten und der Verantwortung von Leistungsträgern für andere. Für den Psychologen Franz Weinert ist „Lernen der entscheidende Mechanismus bei der Transformation hoher Begabung in exzellente Leistung“.5 Begabung ist demnach förderbar und wird durch den Lernprozess erst gänzlich entfaltet. William Stern6 vertrat die Ansicht, dass Begabung eine „Möglichkeit zur Leistung“ sei, aber nicht schon die Leistung selbst. Muss diese Möglichkeit auch genutzt werden? Welche Verantwortung trägt der Einzelne für die Entwicklung seiner Potenziale und welche Verantwortung trägt die Gesellschaft? Ist es gar vertretbar, individuelle Talente ungenutzt zu lassen, in einer Welt, die immer schneller, immer schwierigere Antworten auf immer komplexere Fragen finden muss?

Dass Begabung eine Veranlagung ist, die es zu entfalten gilt, steht seit 2016 auch beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) auf der Agenda. Durch die Initiative „Leistung macht Schule“ – einem Forschungsverbund mit 300 kooperierenden Schulen, welcher seit Januar 2018 besteht – verdeutlicht die Regierung ihr Interesse an einer breit ausgerichteten Begabtenförderung und deren Erforschung. Im akademischen Kontext sehen wir Begabtenförderung sogar schon seit Längerem. Das BMBF fördert durch die mittlerweile 13 Förderwerke seit vielen Jahren Studenten und Doktoranden bei ihren Studien. Diese spiegeln unsere Gesellschaft wider, finden sich hier doch politische, konfessionelle und freie Förderwerke. Die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) unterstützt und fördert treu dem Wahlspruch „Talente entdecken – Talente fördern“ herausragende Studenten, Doktoranden und Habilitanden dabei, ihre Begabungen zu entfalten. Dabei beschränkt sich der in der KAS verwendete Begabungsbegriff keinesfalls nur auf außergewöhnliche kognitive Fähigkeiten, sondern ist wesentlich umfassender zu verstehen. Künstlerische, musische, soziale, emotionale oder sportliche Leistungen sind ebenfalls unter den Begriff der Begabung einzuordnen. Neben sehr guten akademischen Leistungen legt die KAS daher in ihrem Auswahlprozess einen ebenso großen Wert auf ein überdurchschnittliches gesellschaftliches Engagement. Die Vielfalt von Begabung finden wir bei der KAS auch in ihrer Journalistischen Nachwuchsförderung (JONA) und Kunstförderung abgebildet. Neben der finanziellen Unterstützung junger Talente, fördert die KAS Ideale, Verantwortungsgewühl sowie interdisziplinären Austausch, wodurch die Stipendiaten voneinander lernen und sich stets weiterentwickeln.

Wer aber wird Teil eines solchen Förderwerks? Wer darf von finanzieller und ideeller Unterstützung profitieren? Wie messen und bewerten wir in der Gesellschaft Begabung und Talent?

// Auswahl durch Prozesse. Weiter kommt, wer überlebt.

Die Unterscheidung in „talentiert“ und „unbegabt“ vollzieht sich meist schon früh im Leben. Jüngst bemerkte dies auch der Erziehungswissenschaftlicher Jürgen Oelkers, indem er bekräftigte, dass sich „[i]n den deutschen Gymnasien […] nicht nur die ‚Begabteren‘ [versammeln], sondern diejenigen, die die Auslese- und Bewertungsprozesse überstanden haben.“7 Eine Gesellschaft, die Talente fördern will, muss ich im Klaren darüber sein, dass jede Auswahl und jede Entscheidung weitreichende Konsequenzen haben kann. Beispielhaft sei hier die immer wieder aufkeimende Diskussion um die sogenannte Gymnasialempfehlung genannt oder an die mittlerweile durch das Bundesverfassungsgericht entschiedene Frage nach den Zulassungsvoraussetzungen für das Medizinstudium in Deutschland erinnert.

Jedes Förderprogramm – sei es das Gymnasium, die Hochschule oder ein Stipendienprogramm – muss sich der Verantwortung des eigenen Auswahlprozesses bewusst sein. Selbstverständlich unterscheiden sich die Kriterien je nach Zweck und Zielgruppe des Förderprogramms. Wie aber gestaltet man Auswahl- und Prüfungsprozesse gerecht? Wie berücksichtigt man die Umwelt und den sozio-ökonomischen Hintergrund des Bewerbers? Wie sieht man die, die den Auswahlprozess nicht überstehen?

// Freie Gesellschaft und Freiheit zur Verantwortung.

Erinnern wir uns an die Vielgestaltigkeit von Talenten und die Bedeutung der Entwicklung des Talents, so könnte man konstatieren, dass im Grunde eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür besteht, dass jeder ein Talent hat, das ganz unterschiedliche Ausprägungen haben kann. Dieses Talent muss manchmal erst entdeckt, kann und muss aber in jedem Fall gefördert und entfaltet werden. Jedes Talent kann die Gesellschaft bereichern. Die Gesellschaft zählt umgekehrt darauf, dass jeder seine Fähigkeiten und Talente einbringt, damit ein Zusammenleben überhaupt erst möglich wird. Versteht man den auch in unserer Verfassung formulierten Grundsatz „Eigentum verpflichtet“ auch im Sinne einer Sozialbindung der Talente und Fähigkeiten, so ist der Schritt zur Formulierung „Talent verpflichtet“ nicht mehr weit. Viele sehen auch im Privileg eines starken sozio-ökonomischen Hintergrunds die Verpflichtung zur aktiven Mitwirkung am gesellschaftlichen Zusammenleben. Leider werden dabei vielfach radikale Forderungen nach absoluter Gleichheit erhoben, wo eigentlich vernünftigen Ideen von Chancengerechtigkeit der Vorzug zu geben wäre.

Die Verantwortung eines Staates, der das gesellschaftliche Miteinander regulieren muss, ist daher keine geringe. Er selbst vertraut darauf, dass sein eigenes Bildungs- und Fördersystem künftige Führungskräfte und Verantwortungsträger für Politik, Wirtschaft, Kunst und Kultur, Wissenschaft, Medien und alle anderen Disziplinen, die für das Funktionieren des Staates notwendig sind, hervorbringt. So sind denn letztlich beide Seiten gleichsam gefragt: Der Einzelne, der seine Fähigkeiten für die Gemeinschaft zur Verfügung stellt und die Gemeinschaft, die den Einzelnen bei der Entwicklung seiner Talente unterstützt. Der Dualismus aus Förderung und Ermöglichung der Talententwicklung einerseits und einer Schaffung des Verantwortungsbewusstseins andererseits bildet den Grundbaustein unserer sozialen Werte.

Die Heidelberger Adenauer-Tage wollen in diesem Jahr einen Beitrag zu dieser Diskussion leisten. Durch die kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Begabung sollen sich die Teilnehmer der dem gewählten Thema „Talent als Chance – Talent als Pflicht“ annähern. Die Stipendiaten und Altstipendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung haben nicht nur in ihrer akademischen Karriere verschiedene Auswahlprozesse durchlaufen. Die Konrad-Adenauer-Stiftung selbst beschreibt ihre Stipendiaten als „begabte und engagierte junge Menschen“8 und setzt somit ganz bewusst auf die (zwingende?) Verbindung von Begabung und Verantwortung. Volker Kauder hat hierzu einen wichtigen Satz geprägt, der eine der wesentlichen Diskussionsgrundlagen der Heidelberger Adenauer-Tage 2020 ist:

„Zur Freiheit befreit zu sein bedeutet immer auch, die Freiheit in Verantwortung für andere zu leben und Verantwortung in Familie, Gesellschaft und Beruf zu übernehmen. Wer Freiheit nur für sich alleine (aus)lebt, hat ihren tiefen Sinn nicht verstanden“.9

1 Dudenredaktion, Wissenschaftlicher Rat (2017): Duden. die deutsche Rechtschreibung; auf der Grundlage der neuen amtlichen Rechtschreibregeln. Mannheim (Dudenverlag).
2 https://www.dwds.de/wb/Begabung, abgerufen am 10.11.2019.
3 Wirtz, M. A. (Hrsg.) (2019). Dorsch – Lexikon der Psychologie (19. Aufl.). Hogrefe.
4 Wirtz, M. A. (Hrsg.) (2019). Dorsch – Lexikon der Psychologie (19. Aufl.). Hogrefe.
5 Weinert, F. E.: Lehren und Lernen für die Zukunft – Ansprüche an das Lernen in der Schule, Bad Kreuznach: Vortragsmanuskript, 2000a. In: Hellmer, J. (2007). Schule und Betrieb: Lernen in der Kooperation. Springer-Verlag.
6 Stern, W. (1916): Psychologische Begabung und Begabungsdiagnose. In: Petersen, P. (Hrsg.): Der Aufstieg der Begabten. Vorfragen. Leipzig: Teubner, S. 105–120.
7 Jürgen Ölkers, „Kann man begaben? – Rückblick auf eine wirkungsmächtige Theorie der Erziehungswissenschaft“, in: Die Politische Meinung Nr. 533, 2015, S.12 (15).
8 https://www.kas.de/de/web/begabtenfoerderung-und-kultur/home abgerufen am 29.01.2020.
9 Kauder, V., Vom Wert der Freiheit. Ulm, 2012, passim.